Berlinfahrt 2020: Zeitzeugengespräch am Unterrieden

Ein wichtiger Programmpunkt auf der Studienfahrt der Stufe 10 nach Berlin ist der Besuch des Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen. Das Museum möchte die dunkle Vergangenheit der zweiten deutschen Diktatur in Erinnerung rufe. Die authentischen Schilderungen der ehemaligen Gefangenen des DDR-Unrechtsregimes verdeutlichen die Botschaft des Museums, dass heutige und zukünftige Generationen aus der Geschichte lernen sollen und die Demokratie gegen jede Form des Extremismus verteidigen sollen.

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Bild 1: Der 1961 von Insassen gebaute „Neubau“ des Gefängnisses der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen
Bildnachweis: URL: https://www.stiftung-hsh.de/geschichte/stasi-gefaengnis/ , Zugriff am 02.03.2020

Leider leben immer weniger Zeitzeugen. So werden viele Führungen durch Wissenschaftler (Doktoranten, Studenten, Geschichtslehrer u.a.) oder Interessierte (Verwandte) durchgeführt. Egal ob die Schilderungen aus erster oder zweiter Hand – sie sind für Schüler der Stufe 10 nicht alltäglich und nicht immer leicht einzuordnen.
Um mit mehr Vorwissen nach Hohenschönhausen gehen und auf jeden Fall mit einer direkt betroffenen Person sprechen zu können, hatten wir eine Zeitzeugin eingeladen: Frau Konstanze Helber, Jahrgang 1954, kam auch in diesem Jahr zu uns ans Unterrieden. Am Mittwoch, dem 12.2.2020, konnten von 13:50 Uhr bis 15:25 Uhr die Berlinfahrer in die Aula ihre Lebensgeschichte hören.

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Bild 2: Zeitzeugin Frau Konstanze Helber heute, * 1954 in Camburg bei Jena
Bildnachweis: privat

Als 22-jährige wurde sie bei ihrem Fluchtversuch aus der DDR verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Die Staatsicherheit der DDR verhörte sie und „sorgte für die Beweise“, die zur Verurteilung führten. Im April 1979 wurde sie von der Bundesrepublik aus der Haft und der DDR freigekauft. Sie konnte zu ihrem Freund in den Westen ausreisen und ein neues Leben beginnen.

Vor den Berlinfahrern berichtete Frau Helber aus ihrem Leben. Eindrücklich schilderte sie die fehlenden Freiheiten im Alltag in der DDR und ihr Bestreben, aus der Enge des Systems auszubrechen. Ihr gescheiterter Fluchtversuch im Alter von 22 Jahren brachte ihr 3 Jahre und 3 Monate Haft ein. Während die Untersuchungshaft Terror durch Einsamkeit war, war das Mittel der Zerstörung in der Haft die Zwangsarbeit. Unter unzumutbaren Umständen musste sie als politischer Häftling im Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg /Erzgebirge (Sachsen) arbeiten und leben. Die zu erfüllende Norm (Sollzahlen an zu produzierenden Waren) war sehr hoch, höher als in der Planwirtschaft der sozialistischen Großbetriebe in der DDR. Arbeit war eine Erziehungsmaßnahme. Persönlichkeiten sollten gebrochen werden. Der Kontakt zur Außenwelt war beschränkt. Sie durfte 3 Briefe im Monat empfangen und versenden, die der Zensur unterlagen. Zusammen mit 24 Frauen lebte sie bei Tag und Nacht in einem Verwahrraum, Zelle durfte man nicht sagen. Es gab drei Stockbetten, zwei Toiletten und zwei Waschtröge. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren katastrophal.
Bei der Nachricht ihres Freikaufs im Frühjahr 1979 war sie 24 Jahre alt und bei schlechter Gesundheit.

Frau Helber appellierte an die Schüler*innen, ihre Freiheiten in der Demokratie zu nutzen. Die Schüler nutzten die Möglichkeiten, Frau Helber Fragen zu stellen. Erst mit 50 Jahren konnte sie sich ihrer Vergangenheit stellen. Seit 2010 berichtet Frau Helber vor Schulklassen über das Unrechtsregime der DDR und das Leid der politischen Gefangenen.
Das Gymnasium Unterrieden Sindelfingen möchte sich bei Frau Konstanze Helber für ihre eindrückliche Schilderung bedanken.

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Bild 3: Flur mit Zellentüren im Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR im Ortsteil Hohenschönhausen in Berlin
Bildnachweis URL: https://pixabay.com/de/photos/gefängnis-ddr-stasi-überwachung-4759937/ Fotograf falco, Zugriff am 24.02.2020

Frau Helber hat für die Berlinfahrt 2020 eine Zeitzeugin vor Ort gewinnen können: Frau Schönherz. Die ehemalige Fernsehmoderatorin Edda Schönherz führte am Mittwochnachmittag (19.2.2020) eine Schülergruppe durch das Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, in dem sie in den 70er Jahren von der Staatssicherheit verhört worden war. Der Kontakt mit den beiden Zeitzeugen Frau Helber und Frau Schönherz sind zwei Beispiele, wie Geschichte lebendig werden kann.

Text: Benjamin Künstle, Calw am 24.02.2020

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